Jurybegründung für den Kinoprogrammpreis 2010

der Landeshauptstadt München

 

Wer den Hauptbahnhof verlässt und in eine der Seitenstraßen geht, sieht auf den ersten Blick nur Schnellimbisse, Handyläden, Sexkinos und Sozialeinrichtungen. Aber mitten in diesem Konglomerat schwieriger Urbanität gilt es einen verborgenen Kinostandort zu würdigen: das Neue Gabriel [Filmtheater]. Dieses trotzt seit nunmehr über hundert Jahren dem Kinosterben.


Sicher gab es eine Zeit, in der das Gabriel dem es umgebenden Niedergang Tribut zollte und nur als Sex-Kino überleben konnte. Doch wie ein Phönix aus der Asche ist das Neue Gabriel [Filmtheater] wieder zum richtigen Kino aufgestiegen: ein Kino, für das Besucher, die sich ansonsten ungern in den Seitenstraßen des Hauptbahnhofes herumtreiben, gern in die Dachauer Straße 16 gehen. Das Neue Gabriel [Filmtheater] hat nach seiner Sanierung vor einigen Jahren zwei Säle bekommen. Der große Kinosaal ist sicher einer der schönsten cineastischen Geheimtipps der Stadt und der kleine Saal – der frühere Balkon – wurde geschickt so ausgebaut, dass er zwar nur drei Reihen, aber dafür eine überzeugend große Leinwand hat.


Wer das Neue Gabriel [Filmtheater] betritt, merkt sofort, dass es sich hier noch um einen der wenigen Familienbetriebe handelt. Nicht die Atmosphäre von Massenabfertigung großer Kinomaschinen, sondern die besondere Herzlichkeit sind das Markenzeichen dieses Familienbetriebes in der vierten Generation, in dem sich jeder Zuschauer als willkommener Gast fühlt. Das Programm enthält mit Bedacht ausgewählten gehobenen Mainstream, durchsetzt mit gelegentlichen cineastischen Entdeckungen, und kann so neben der „Kinovollzugsanstalt“ in seiner Nähe und der städtebaulich schwierigen Umgebung überdauern. Geschickt gewählt sind die Anfangszeiten, die oftmals quer zu denen anderer Kinos liegen und damit jene Kinobesucher einladen, die zu den Standardzeiten verhindert sind.


Für das Hochhalten einer fast schon vergangenen Kinotradition mit dem Beweis, dass Mainstream nicht immer dumm sein muss, und die Kraft, sich unter widrigen Umständen der Standardisierung des Kinobetriebes zu widersetzen, erhält das Neue Gabriel [Filmtheater] den Kinoprogrammpreis 2010.“